Kassandra und die Frauen Trojas
von Madga Woitzuck
WLB Esslingen. Deutsche Erstaufführung 27.02.2026
Inszenierung: Jenke Nordalm
Bühne und Kostüm: Vesna Hiltmann
Sounddesign: Ulf Steinhauer
Mit: Eva Dorlaß, Lily Frank, Kristin Göpfert, Gesine Hannemann, Franziska Theiner, Martin Theuer, Elif Veyisoglu, Feline Zimmermann
Pressestimmen
Magda Woitzucks Stück "Kassandra und die Frauen Trojas" bricht mit alten Rollenbildern und macht den Trojanischen Krieg aktuell: eine packende deutsche Erstaufführung. Der Krieg um Troja beginnt in den Köpfen der Männer. Doch am Ende sind es genauso die Frauen, die Hass schüren und die ihre Söhne in den Krieg schicken. Regisseurin Jenke Nordalm zeigt in der deutschen Erstaufführung nicht nur, wie Frauen vor der Karren der Macht gespannt werden. Sie selbst sind es, die gegeneinander kämpfen. Woitzucks Blick auf den Krieg aus weiblicher Sicht holt die Superhelden der Antike mit erfrischender Distanz vom Sockel. Und auch die Rollen der Frauen legt sie differenziert offen. Sie sind da, um zu repräsentieren. Hiltmanns betörend elegante Kostüme, die die Frauen in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken, legen Fesseln der Mode offen. Da spielt sie auf Ideale der neuen Rechten im 21. Jahrhundert an, die Frauen im Namen der Schönheit grässliche Ideale aufzwingen. Klug legt Lily Franks Kassandras innere Kämpfe und Zweifel offen, mit denen ihre Powerfrau hadert. Dass sie den Vater vor der Kriegstreiberei warnt, der sie aber kalt abblitzen lässt, raubt ihr die Fassung. Mit loderndem Temperament peitscht die Schauspielerin ihre Kassandra durchs Leben. Ihre eiskalte Mutter ist eine jener Frauen, die sich blind dem Machthunger der Männer unterordnen. Ohne eine Miene zu verziehen, schickt Kristin Göpfert in der Rolle der Hekabe ihre Söhne in den Krieg. Die Kälte, mit der die Schauspielerin die Mutterfigur demontiert, schockiert. In quälend langsamen Bewegungen ist es sie selbst, die der Tochter Kassandra die Augen aussticht. Den Krieg und seine tödlichen Folgen, vor denen die Seherin immer gewarnt hatte, rückt Woitzuck näher und näher. Regisseurin Jenke Nordalm gelingt es, die Atmosphäre des Kriegs und des Hasses auf sinnlicher Ebene abzubilden. Dabei gewinnt sie dem Stoff die Zeitlosigkeit ab, die er verdient. Ulf Steinhauers Klanglandschaft öffnet Räume. Da surren Fliegen, toben Kämpfe oder wehen Winde über die Opfer auf den Schlachtfeldern. Die Musik bringt Räume zum Klingen. In "Kassandra und die Frauen Trojas" stehen die sieben Frauen des Esslinger Ensembles gemeinsam auf der Bühne. Der Regisseurin gelingt es, jeder ihr unverwechselbares Gesicht und ihre Geschichte zu geben. Angesichts der bewaffneten Konflikte und der Kriege in aller Welt ist Magda Woitzucks Text hoch aktuell. Woitzucks Botschaft ist stark. Wenn Kassandra am Ende die Namen der Gefallenen spricht, unüberhörbar und laut, rückt der Trojanische Krieg für das Publikum ganz nah - so wie die heutigen Kriege. Denn es sind Menschen, die in den Kämpfen fallen, nicht die Strategen und nicht die Könige.
Esslinger Zeitung, 1. März 26
Die Welt im Fall. "Kassandra und die Frauen Trojas" - modern, lebendig und aus feministischer Sicht. Lieber alles zerstören und töten, als miteinander zu reden und Kompromisse und Bündnisse auszuhandeln; lieber die anderen auslöschen, als Mitleid und Menschlichkeit zu zeigen oder gar Gnade - ob aus Rache, Machtgier, Bereicherung, Dummheit, Langeweile. Da hat sich bin in unsere Zeit nicht viel geändert. Das Patriarchat hat Bestand. Martin Theuer spielt Priamos latent gewalttätig, übergriffig, beschränkt, cholerisch, hartherzig. Die Söhne schickt er mitleidlos in die blutige Gewaltspirale des Kriegs, der weibliche Nachwuchs dient vor allem dem Machterhalt durch Verheiratung, als "Zuchtschaf" für Waffenfutter oder als repräsentative "Augenweide". Die Frauen machen das Spiel nolens volens mit. Aus purer Angst vor dem unberechenbaren Regenten und vor dem Verlust ihrer Privilegien. Die, die sich dem Einfluss des Königs entziehen wollen, werden den Griechen zum Fraß vorgeworfen. Priamos wird mitleidlos die Verschleppung, den Missbrauch und den Tod von Frauen Trojas in Kauf nehmen. Lily Frank hat als Kassandra einen komplexen Reifeprozess zu durchleben: vom aufmüpfigen, sehr schlagfertigen Teenager zur erwachsenen Wissenden, die sich verantwortlich fühlt und verzweifelt Leben retten will. Sie spielt glaubwürdig, anrührend und differenziert - diese Wandlung, die sie in ihren drei Lehrjahren außerhalb des Hofes durchmacht. Sieht, wovor ihre Familie die Augen verschließt: Dürren, Hunger, Armut und Ungerechtigkeit. Gewandelt muss sie dann miterleben, wie Troja seinem Untergang entgegengeht, derweil der Krieg in Gestalt der klassischen Mauerschau quasi live berichtet wird: Die Familie beobachtet erschauernd das Gemetzel, muss miterleben, wie Brüder, Ehemänner, Söhne abgeschlachtet werden. Derweil Kassandra warnt und warnt und warnt. Prophet:Innen im eigenen Land zählen nichts. Ihre Kassandra-Rufe verhallen ungehört. Bis heute: Ob es die Finanzkrise 2008 betrifft, die drohenden Folgen des Klimawandels oder jetzt die erneute Eskalation in Nahost. Und der Epstein-Skandal steht im Raum, besonders wenn Primas zu Polyxena sagt: "Es will einfach nicht in euren Schädel, dass es euer Fleisch ist, das ein Mann begehrt, und nicht eure Gedanken." Gut, dass der Theaterabend offen endet. Kassandra:" Es gibt nicht die eine Zukunft, es gibt viele. Wir können uns für eine entscheiden." Zusammenhalt, aktiv werden, sich wehren und kämpfen: Das ist ihr Appel an die Frauen. Noch steht das Pferd am Strand, als Kassandra ruft:" Lass uns einen Anfang machen, Schwester. Lass uns ein Feuer entfachen. Ich kann das nicht alleine." Und dann stürmen die sieben Frauen in geschlossener Reihe mit einem wütenden Befreiungsschrei an die Rampe.
KONTEXT:Wochenzeitschrift, 4. März 26
Krieg aus weiblicher Sicht. Das komplette weibliche Ensemble steht in "Kassandra und die Frauen Trojas" auf der Esslinger Landesbühne und legt den Finger tief in die Wunden, die Kriege abseits der Front verursachen. Tatenlos und rastlos, wütend und wehrlos zugleich stehen die Frauen des trojanischen Königshauses auf dem Palastbalkon zum Zusehen verdammt, wie ihre Männer im Kampf von den Griechen ermordet werden, wie Troja untergeht, weil König Priamos alle Prophezeiungen seiner weissagenden Tochter Kassandra in den Wind schlägt. Regisseurin Jenke Nordalm bemüht kein hölzernes trojanischen Pferd und keine einzige soldatische Kampfszene im rund zweistündigen Bühnenspiel, das erklärtermaßen dem Menschen verantwortliches Handeln zuschreibt, statt die Schuldfrage an Götter abzugeben. Und doch steht der Kampf um Troja von der ersten Sekunde an wie der sprichwörtliche Elefant im Raum freilich aus strikt weiblicher Perspektive. Was richtet ein Krieg bei denen an, die zu Hause bleiben, also bei den Frauen - stellvertretend für all jene, die patriarchalen Abhängigkeiten um Geld und Macht bis in unsere Tage ausgeliefert bleiben? Spielwütig, ja zuweilen spielwütend geht das komplette weibliche Ensemble von Martin Theuer als männlichen Gegenpart stark ergänzt die Beantwortung dieser Frage an und ist dabei an Glaubwürdigkeit kaum zu überbieten. Sei es Kristin Göpfert als unerbittliche Königsgattin, sei es Eva Dorlaß als Polyxena, die von ihrem Vater als zu schön, aber dumm abgestempelt wird, oder Franziska Theiner als Helena mit irrlichterndem Blick. Und auch die Ehefrauen, Sklavinnen, Konkubinen sind widersprüchliche, verletzliche Spielbälle männlichen Dominanzgebarens, ja stützen dieses noch, indem sie sich untereinander zerfleischen. Kriege, Dürren, Hungersnöte, Migration - die Palette der Herausforderungen für das Troja von damals liest sich wie der Sorgenkatalog für unsere Welt von heute.
Ludwigsburger Kreiszeitung, 3. März 26